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Think different - be a horse







Interview mit einer Blume

Manchmal klingelt morgens der Wecker und man würde alles dafür geben, einfach weiterschlafen zu dürfen. Doch es geht nicht, denn unser Sozialsystem schlägt in einem solchen Fall gnadenlos zu. Letzten Donnerstags hatte ich genau solch einen Morgen.

 

Nur durch die maximale Fokusierung meines Willens gelang es mir, durch den sogenannten "Exit" meines Bettes zu kriechen. Doch beinahe wäre ich sofort draussen auf dem Bettvorleger wieder eingeschlafen. So schnell wie möglich taumelte ich wie ein Zombie in die Küche und gönnte mir ein dutzend Irish Coffees. Hunger hatte ich keinen, trotzdem zwang ich mich ein Glas Pepperoni zu essen. Danach ging es mir schon etwas besser. Nachdem ich noch eine Zigarette mit Strohhalm (dadurch geht der Qualm direkt ins Gehirn) geraucht hatte, war meine Verfassung noch ein ganzes Stück besser.

 

Unter der Dusche konnte ich dann sogar den Chicken-Dance tanzen. Gute Laune strömte durch meinen Körper wie ein Tanklaster durch eine Fussgängerzone. Spontan rieb ich meinen gesamten Körper mit Seife ein und spielte Glitschi-Klatschi, ein selbsterfundenes Spiel bei dem man sich gegen verschiedene Einrichtungsgegenstände wirft und sich an der geringen Reibung erfreut.

 

Dann Anzug an, Krawatte und Rasierwasser auflegen. Ein letzter Blick in den Spiegel - perfekt, wie immer. Fröhlich pfeifend angelte ich mir die Schlüssel meines BMWs mit der Zunge vom Tisch und rannte voller Elan zur Tür hinaus. Allerdings war die plötzliche Bewegung zuviel für meinen Kreislauf und ich fiel auf den Rasen. Mir war schwarz geworden vor Augen, kein Wunder wenn das Klima verrückt spielt.

 

Gerade wollte ich wieder aufstehen, da kitzelte mich plötzlich etwas im Mund. Bestimmt ein Insekt, bäh. Angeekelt spuckte ich aus und ein Blatt segelte sanft zu Boden. Verdutzt tastete ich mit der Hand nach meiner Zunge und stellte fest, dass dort eine gehörige Portion Efeu gewachsen war. Was war denn jetzt kaputt? Ok, ich hatte am Wochenende mit Mushroom Joe so komisches Zeug geraucht und mir auch vier Spritzen mit unbekanntem Inhalt in die Vene gejagt, aber diese Art von Nebenwirkung wäre mir doch bekannt gewesen.

 

"Mach dir keine Sorgen, das ist normal." Eine sehr schöne, aber etwas dumpfe Frauenstimme riss mich aus meinen Gedanken. Verdutzt fragte ich: "Was? Wer ist da?" Die Antwort kam prompt: "Hier unten." Irritiert senkte ich den Blick und erkannte eine Sonnenblume mit Gesicht.

Sonnenblume: "Hallo Fremder. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen wegen dem Efeu zu machen, das bedeutet nur, dass du jetzt die Pflanzensprache sprechen und verstehen kannst."

PiA: "Achso. Ich sollte wirklich aufhören Pilze zu rauchen."

Sonnenblume: "Ja allerdings, die armen Pilze haben dir doch nichts getan. Oder wie würdest du es finden, wenn ich einen Hund rauchen würde?"

PiA: "Sehr seltsam."

Sonnenblume: "Keine Angst, mach ich auch nicht. Aber nun zu dir, du hast sicher viele Fragen."

PiA: "Ja - oder nein.. ich weiss nicht. Kann ich wirklich mit Pflanzen sprechen?"

Sonnenblume: "Natürlich, du hast die grüne Zunge."

PiA: "Ja, ja. Aber irgendwie ist das eine ziemlich nutzlose Begabung. Ich meine, ich habe mir oft Superkräfte gewünscht, aber dann lieber sowas wie fliegen können oder einen Rötgenblick haben."

Sonnenblume: "Ich wäre auch lieber eine flammende Karotte, die in der schützenden Erde steckt wie Excalibur im Fels der Freiheit, aber wir können uns unser Schicksal nicht aussuchen."

PiA: "Das stimmt wohl."

Sonnenblume: "Aber wir können das Beste daraus machen. Ich zum Beispiel nehme seit kurzem Schauspielunterricht, das macht mir sehr viel Spass."

PiA: "Schauspielunterricht?"

Sonnenblume: "Ja weisst du, ich möchte irgendwann mal den tapferen Prinz Löwenzahn spielen, aber bis dahin ist es natürlich noch ein langer Weg."

PiA: "Langer Weg? Kannst du etwa auch laufen?"

Sonnenblume: "Nein, ich bin eine Blume, kein Kamel. Aber ich kann meine Samen in die Luft rotzen, der Wind trägt sie weit fort. Dann ramme ich mir eine Gartenschere in den Bauch und werde als eines meiner "Kinder" wiedergeboren."

PiA: "Da hätte man auch gleich drauf kommen können."

Sonnenblume: "Willst du sonst noch was wissen?"

PiA: "Wie heisst du eigentlich?"

Sonnenblume: "Fleur de soleil."

PiA: "Was für Musik hörst du am liebsten?"

Sonnenblume: "Bee Gees."

PiA: "Dein Lieblingsessen?"

Sonnenblume: "Schnitzel mit Blumenkohl."

PiA: "Blumenkohl? Ist das nicht Kannibalismus?"

Sonnenblume: "Nein du Semmel, Blumenkohl ist doch ein Insekt."

PiA: "Hast du Abitur gemacht?"

Sonnenblume: "Was?"

PiA: "Schon gut. Weisst du, mir kommt dieses Gespräch ein kleines bisschen surreal vor."

Sonnenblume: "Wäre es dir lieber, ich könnte ich sprechen und würde einfach nur vor mich hinwachsen, im Sommer blühen und im Winter verdorren?"

PiA: "Ehrlich gesagt: ja."

Sonnenblume: "Warum fürchtest du Veränderungen? Mir scheint dein Leben gleicht dem von Bruder Tack."

PiA: "Kannst du mal aufhören Anspielungen auf alte englische Legenden zu machen?"

Sonnenblume: "Kannst du mir mal das Unkraut zwischen den Beinen wegmachen?"

PiA: "Öhhh..."

Sonnenblume: "Na die Disteln, die neben mir wachsen. Sie werden langsam zu einer echten Plage."

PiA: "Ich kümmere mich bei Gelegenheit darum, versprochen. Aber jetzt muss ich mal langsam los zur Arbeit."

Sonnenblume: "Arbeitest du immer noch als Bodyguard?"

PiA: "Nein, ich bin jetzt Gärtner."

Sonnenblume: "Das ist nicht witzig."

PiA: "Doch HAHAHAHA."

Sonnenblume: "Mir scheint du wurdest als Kind zuwenig gedüngt, dein Sinn für Humor ist jedenfalls ziemlich kacke."

PiA: "Anyway darling, ich muss jetzt mal los."

Sonnenblume: "Okay. Falls dich jemand auf das Gebüsch in deinem Mund anspricht, dann sag einfach du hättest Spinat zwischen den Zähnen."

PiA: "Danke für diesen guten Tipp. Du bist doch nicht so ein Snob wie ich am Anfang dachte."

Sonnenblume: "Au revoir."

 

Den ganzen Tag dachte ich an diese merkwürdige morgendliche Begegnung. Leider beging ich den Fehler bei McDonalds zu essen, woraufhin das Efeu auf meiner Zunge einfach verschwand. Das lag wahrscheinlich an der Cola, angeblich kann man in dem Zeug ja über Nacht eine Kuh auflösen. Jedenfalls war die Sonnenblume einfach nur eine stinknormale Pflanze als ich nach Hause kam. Dennoch hielt ich mein Versprechen und entfernte alle Disteln in ihrer Nähe.

 

Jeden Tag lockerte ich die Erde um sie, goß etwas Wasser an ihre Wurzeln und im Winter baute ich sogar ein Mini-Gewächshaus um sie herum. Vielleicht war ich verrückt, aber schaden konnte es ja nicht. Im Zweifel lieber mal freundlich sein, schließlich will ich mich nicht aufführen wie der Sheriff von Nottingham.

 

21.2.08 22:16
 


bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


oarzt (aus deutschland) (21.2.08 23:51)
köstlisch, köstlisch!


Jen (22.2.08 19:56)
super cool ^^


sarah (29.2.08 22:14)
die kreative ader kann man nicht übersehen. coole geschichte ^^


heimlich / Website (2.3.08 22:30)
Wie sieht denn das Blumenkohl aus? Ist das ein Insekt, das fliegen kann? Oder eins, das nur überall rumkrabbelt? Und ist es niedlich, wie ein Marienkäfer?


Silkebriefkasten / Website (8.8.11 15:07)
Ich finde die Geschichte auch gut erzählt und da kann man mal sehen was so alles mit einer Sonnenblume passieren kann.

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